Erwenks Entdeckung

Der Fantasyroman 'Erwenks Entdeckung' erschien im März 2016 als E-book. Er ist der erste Teil einer Serie mit dem Titel 'Joels Lieder'. Der Roman kann hier bestellt werden.

Rahmen:

Der Roman spielt in einer Welt, die sich in einem Zeitenwandel befindet. Die Ewige Insel der Götter ist im Meer der Zeit verschollen, die Geister- und Dämonenwelt scheint gebannt. Die Alte Kunst - eine Mischung aus Magie und Alchimie - wird von der Neuen Kunst mit ihrem rationalistischen Weltbild und ihrer Wissenschaft abgelöst.

 

Inhalt:

Der Pferdebursche Joel rettet das Straßenkind Erwenk vor dem Ertrinken. Joel nimmt es mit auf die Konburg, seine Heimat, einer Domäne der Neuen Zeit, die auf Vernunft und Wissenschaft setzt. Erwenk sorgt auf der Burg gleich für Wirbel, als die Händlerin Hanne ihn bezichtigt, dass er ein böser Geist sei. Doch die Burgbewohner glauben nicht an Geister und stellen Erwenk unter Joels Schutz. Erwenk zeigt sich zwar liebenswert, hat aber auch eine dunkle Seite. Was ist los mit ihm? Ist er wirklich nur ein verwahrlostes Straßenkind? Oder wahnsinnig? Hilfe findet Joel bei dem Gelehrten Alek. Der schickt Joel und Erwenk auf eine gefährliche Reise, auf der Joel alle seine Phantasie und Intuition einsetzen muss. Doch reichen seine Kräfte, um die Reise mit dem unberechenbaren Erwenk zu bestehen?

 

Leseprobe 1:

Joel genoss den Ritt in der ersten milden Frühlingsluft.

Als der Wald sich lichtete und die Burg in Sichtweite kam, ließ er Falbel in einen leichten Trab fallen. Auch das Tier schien zufrieden, die endlich wieder wärmenden Sonnenstrahlen noch ein bisschen länger auf sich wirken zu lassen.

Joel öffnete all seine Sinne. Er roch die erwachende Natur. Er sog das sprießende Grün in sich ein. Ein leichter Wind zauste sein Haar. Er spürte die Muskeln des Pferdes und nahm den Rhythmus der Bewegung an. Joel war glücklich.

Doch halt. Was war das? Rief da nicht jemand?

»Hilfe!«

Der Schrei kam von rechts. Und noch einmal: »Hilfe!«

Joel schwenkte rasch nach rechts und trieb Falbel wieder an, galoppierte über die kleine Anhöhe hinweg und zügelte das Pferd abrupt. Er brach in schallendes Gelächter aus. Unten in dem kleinen Bach lag ein Männchen und schlug wild mit allen Gliedern um sich.

»Ich ertrinke,« gurgelte es. Arme und Beine peitschten das Wasser, sodass es ihm immer wieder in Nase, Augen und Mund spritzte. Aber es war doch gerade einmal knietief an dieser Stelle!

»Steh doch einfach auf«, rief Joel ihm zu, »steh auf!«

Im gleichen Moment blieb ihm das Gelächter im Halse stecken. In seinem panischen Kampf war es dem Männchen nun tatsächlich gelungen, mit dem ganzen Kopf unter Wasser zu geraten. Der Körper bäumte sich auf, und drückte ihn dadurch nur noch stärker hinab. Das Männchen befand sich in ernsthafter Gefahr.

Schnell sprang Joel vom Pferd und watete in den Bach. Er griff nach dem Kragen des Männchens , um es wieder nach oben zu ziehen. Das aber kämpfte weiter mit dem Wasser – und so auch mit Joel. Ein Tritt erwischte seinen Bauch, ein Schlag sein Kinn. Schon lag er selbst im Bach.

Die Kälte des Wassers löschte seine Überraschung und Benommenheit. Erneut griff er zu. Diesmal gelang es ihm, das Männchen hoch zu ziehen. Dessen Gesicht war schon blau angelaufen.

»Hilfe!« röchelte es und begann Wasser zu husten.

»Aber so lass dir doch helfen«, rief Joel erzürnt.

»Rette mich!«

Zwei Arme umschlangen Joels Hals. Entsetzt bemerkte er, dass ihn das Gewicht des Ertrinkenden wiederum nach unten zog. Zudem klammerte sich das Männchen so stark an ihm fest, dass es ihn zu würgen begann. Ohne lang nachzudenken holte Joel aus und versetzte ihm eine kräftige Ohrfeige. Einen Moment lockerte sich der Griff, und Joel kam wieder zu Atem. Nun packte er grob zu, erwischte ein Bein und schleifte den Unglücklichen endlich ans Ufer.

»Du bist gemein!« Der Gerettete heulte und schniefte. Joel glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.

»Du hast mich geschlagt!«

»Geschlagen«, verbesserte Joel.

Da ging ihm ein Licht auf. Das Männchen war ein Kind. Was ihn von der Ferne getäuscht hatte, war der große, beinahe kreisrunde Kopf, der fast zu schwer für den dünnen Hals und den schmächtigen Körper schien. Wie hatte der Kleine, der kaum kräftig genug aussah, um seinen eigenen Kopf zu tragen, ihn nur so in Schwierigkeiten bringen können? Das greinende Kind erweckte nun sein Mitleid.

»Aber, aber«, murmelte er und legte seinen Arm um die Schulter des Schluchzenden. Mit seinem Ärmel versuchte er die Tränen abzuwischen. Das nutzte indes nicht viel, denn er war ebenso nass geworden wie sein Schützling.

»Immerhin bist du noch am Leben. Ich musste das tun, um dich zu retten«, versuchte er zu erklären.

Der Kleine hob die Augen und schaute Joel groß an. Plötzlich breitete sich ein Lächeln über das ganze Gesicht.

»Ja, du hast mich aus den wilden Fluten gerettet«, nickte das Kind feierlich und schmiegte sich vertrauensvoll an Joels Brust, in der nun schon wieder ein Lachen anheben wollte. Dieser Bach eine wilde Flut?

»Ich heiße Joel. Und wie heißt du?«

»Erwenk«, antwortete der Kleine.

 

Leseprobe 2:

Erwenk schien sich etwas erholt zu haben und lief – wohl in Erwartung des versprochenen Essens – nun gut mit. Sie passierten Tor zwei und drei und gelangten endlich in den Hof, der weitläufig angelegt und quadratisch war. Verschiedene mehrstöckige Gebäude umrahmten ihn. Beherrscht wurde der Hof jedoch von dem Sitz des Herzogs, einem quadratischen Turm, der massiv weit in den Himmel ragte.

Joel zog Erwenk nach links, auf die Pferdeställe zu. Wie er gehofft hatte, lungerte Bet, der jüngste Stalljunge mal wieder draußen herum. Er starrte den kleinen Tross neugierig mit offenem Mund an.

»He, Bet«, rief Joel, »kümmere dich um Falbel. Ich muss meinen Gast versorgen.«

»Bet tu dies, Bet tu das, den ganzen Tag geht das so. Nie hat man mal ein bisschen Ruhe«, brummte der Junge missmutig, griff aber doch gehorsam nach Falbels Zügel und führte das Pferd gemächlich zum Stall, nicht ohne sich immer wieder nach dem fremden Jungen umzublicken.

»Hier geht’s lang.« Joel wandte sich zu dem Eingang mit dem Treppenhaus, das zur Wohnung des Rittmeisters und darüber zu den Zimmern der Bediensteten führte. Da ertönte hinter ihnen ein Schrei.

Erschrocken fuhr Joel herum und erblickte Hanne, die fahrende Händlerin, die vor wenigen Tagen in der Burg angekommen war. Mit der einen Hand umklammerte sie einen Korb voll Eier, die andere hatte sie mit gekreuzten Fingern an die Stirn gelegt – eine alte Schutzgeste.

»Wahnsinniger«, schrie sie Joel an, »bringst diesen bösen Geist in einen friedlichen Hort!«

Joel war verwirrt. Was meinte sie?

»Hundedreck und Krötengift!« Der Fluch kam von Erwenk. Sein Gesicht hatte sich verzerrt, es erschien voller Runzeln. Plötzlich glich er wieder einem Männchen, einem sehr alten Männchen.

»Hört, er will mich verfluchen«, heulte Hanne und kreuzte ihre Finger noch fester.

Einige Burgbewohner, die ihren Geschäften nachgingen, waren auf die Szene aufmerksam geworden und kamen näher. »Verderben wird er über euch bringen, wenn ihr ihn beherbergt«, rief die Händlerin ihnen zu.

»Selber böse, böses Weib«, brüllte nun Erwenk. »Kenn dich gar nicht. Mach nix, gar nix. Will nur essen, schlafen.« Er spuckte zweimal auf den Boden.

Joel gewann langsam seine Fassung wieder. Er packte Erwenk am Arm und zischte ihm zu: »Sei ruhig, du machst alles nur noch schlimmer!« Er atmete zweimal tief durch und wandte sich an Hanne.

»Wir glauben hier nicht an Geister, nicht an gute und nicht an schlechte. Das hier ist nur ein armes Kind, das im Wald einen Unfall hatte. Ich habe es gefunden und es ist mein Gast. Nach guter Sitte wird es behandelt wie ein Freund und wird sich ebenso benehmen.«

Wie auf ein Stichwort entspannte sich Erwenk. Nun ganz verängstigtes Kind schmiegte er sich eng an seinen Beschützer und lugte unter dessen Achselhöhle hervor. Joel hob den Blick und fixierte die Leute, die sich um sie gesammelt hatten. »Ihr alle wisst, wie schädlich Aberglauben ist. Er sät Misstrauen und Hass und ruft so selbst hervor, was er prophezeit.«

»Recht hat er«, Mandel, der Hufschmied lächelte Joel zu. »So spricht ein guter Schüler von Alek. Lasst uns einen kühlen Kopf bewahren und dieses Gezänk beenden.«

Erleichtert registrierte Joel allgemeines Kopfnicken und zustimmendes Gemurmel aus der Menge. Mandel legte einen Arm um Hanne, die sich verunsichert umsah und langsam die Hand von der Stirn sinken ließ.

»Komm, nimm einen Schluck von dem Brunnenwasser. Das wird dir gut tun. Und dann erzählst du mir ganz in Ruhe, was dich bedrückt.« Mandel führte Hanne fort und auch die anderen gingen wieder ihrer Wege.